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meine, deine und aller…

St. Gallen Räumlichkeiten Steine II, 2012, Öl auLeinwand, 140 cm x 160 cm Steine I, 2012, Öl auf Leinwand, 140 cm x 160 cm

meine, deine und aller Meere Fische
Einzelausstellung
in der Vadian Bank, St. Gallen
15. August – 30. September 2013

Eröffnungsrede von Dr. Monika Jagfeld, Leiterin des Museums im Lagerhaus, St. Gallen am 15.8.2013

Besten Dank, Herr Ernst, für die Einladung, zur Vernissage von Simona Deflorin sprechen zu dürfen. Nach Ihrer Anfrage bin ich gleich auf die Website der Malerin gegangen und meine erste Reaktion war: „Das ist ja geradezu Outsider-Art!“ Der Satz mag überraschen, wenn Sie die heutige Ausstellung betrachten. Mit ihren Steinbildern weicht Simona Deflorin von vorangegangenen Arbeiten ab, die mich zu diesem Ausruf verleiteten. Interessanterweise sagt sie jedoch selbst, dass sie sich von Art Brut/Outsider Art angezogen fühlt. Es sind ihre Darstellungen des Menschen, die diese Nähe erzeugen. Gestatten Sie mir, dass ich so weit aushole, auch wenn Sie heute neben den Steinbildern nur ein Bild des Menschen sehen. Aber es ist Simona Deflorins Umgang mit dem Körperlichen, der so bemerkenswert ist und letztlich auch in der ausgestellten Serie der Steinbilder zum Tragen kommt.

Simona Deflorin zeigt die Kreatur. Sie sucht nicht den individuellen Ausdruck eines Menschen und schon gar nicht den geglätteten Körper. Im Gegenteil zeigt sie den versehrten Menschen: Verletzt, verstümmelt, deformiert, fragmentiert – im Zentrum steht die menschliche Begrenzung. Ein Wechselbad der Gefühle stellt sich vor diesen Werken ein: Schmerz, Leiden, Enge, vielleicht auch ein Ekelgefühl. Denn diese Körper fordern heraus, sie zwingen den Betrachter. Man mag hier vergleichsweise auf Francis Bacon verweisen.

Das Besondere an ihren Gemälden ist also die Erfassung des Körperlichen und dies geschieht schon durch ihren Umgang mit Farbe. Dabei spielt ihre Farbpalette eine wichtige Rolle, die zwar vielfarbig, aber nie „bunt“ ist. Die Farbwirkung ist vielmehr gedeckt. Auffallend ist der im besten Sinne künstlerische Umgang mit dem malerischen Prinzip: das Modellieren der Körper aus der Farbe heraus und der Bildaufbau in wiederholten Farbschichten. So entstehen Dreidimensionalität, Tiefe und Räumlichkeit im zweidimensionalen Gemälde, wie es nur mit Ölfarbe möglich ist. Damit erhalten die Werke auch ihre Dichte. Das gleiche malerische Verfahren wendet Simona Deflorin auch bei ihren Steinbildern an. Doch nicht nur technisch besteht eine Nähe zwischen ihren Menschenbildern zu ihren Steinbildern.

Der Mensch, die menschliche Figur ist das Grundmotiv unseres Daseins, insbesondere wenn der Mensch so kreatürlich begriffen wird wie bei Simona Deflorin. In ihren Steinbildern bricht sie das menschliche Grundmotiv auf eine noch tiefer liegende Ebene herab. Der Stein war vor dem Menschen. In seiner gerundeten, amorphen Form ist er organisch und erinnert an eine Zelle – die Grundform jedes Lebens. Der Stein ist urtümlich, er ist ursprünglich, er überdauert: er ist die Urform des Universums. Der Stein steht für Ewigkeit. 2 „Paradies“ lautet der Titel eines Steinbildes. Wir sind bereit, mit Steinen ein Gebirge oder auch ein Flussbett zu verbinden. Das Paradies währt ewig und auch der Fluss plätschert fortwährend dahin, ist Sinnbild für den ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens. So zeigt das Bild „Paradiso“ eine flirrende Vielfalt, geboren aus einem einfachen Motiv. Im dichten Farbformteppich finden sich Fischformen, Abgeschnittenes neben Gewachsenem, aber auch kontroverse Energien. Alles ineinander gewebt zu einem Dickicht, in dem sich die einzelnen Formen schon wieder auflösen. Die vor dem „Paradies“ entstandenen Steinbilder erscheinen „schwerer“, das Gewicht der Steine spürbarer. Der Stein als Körper kommt am stärksten im ersten grossen Steinbild („Steine I“) zum Ausdruck. Der Steinteppich ist mit Rot durchwirkt wie durchblutet, die einzelnen Steinformen erscheinen besonders organisch, ja geradezu fleischlich.

Wie ist Simona Deflorin von der Figur des Menschen überhaupt zum Motiv des Steines gekommen? Das verbindende Werk zwischen beiden Themen sehen Sie ebenfalls in dieser Ausstellung: Der Knabe mit Schirm aus dem Jahr 2011, zu dessen Füssen eher unspektakulär einige Steine liegen. Zwei Fotografien haben Simona Deflorin zu dieser Darstellung inspiriert und erstmals wird mit den Steinen dem Menschen ein Landschaftsmotiv zugefügt, wo Simona Deflorin sonst den Bildraum nicht definiert. Man sieht auch in diesem Gemälde wieder, dass es der Malerin nicht um „Schönheit“ geht. Das Gesicht des Knaben wirkt greisenhaft, der graubraune Körper verstärkt diese Wirkung. Rot-orange-braune Flecken muten wie Verletzungen an. Der grosse Schirm soll Schutz bieten, wirkt aber zugleich bizarr angesichts des verstörenden Körpers. Nach dem Gemälde des Knaben gerät die Malerin mit der menschlichen Figur in eine künstlerische Krise. Die Folge: Sie sucht eine noch stärkere Konzentration. Die Steine, die sie dem Knaben noch verhalten beilegt, faszinieren sie und es entstehen 2011 die ersten kleinen Steinbilder. Nach dem „Paradies“ und weiteren grossen Steinbildern folgt dann eine Serie so genannter „Ahnenbilder“. Wieder wendet sich Simona Deflorin dem Menschen zu und setzt Köpfe unter Glashauben. Sie präsentiert Büsten wie Ansichtsobjekte.

Die Glashauben geraten zu einem neuen Motiv. In der Ausstellung sehen Sie 4 Werke, wo Glashauben in Steine gesetzt sind. Auf den ersten Blick wirkt die Lichtspiegelung auf dem Glas wie ein Wasserstrahl, dann erst erkennt man die ganze Haube. Skurril erscheint die Verbindung des fragilen Glases mit der Steinlandschaft. Der Einsatz der Glashaube hat jedoch eine ausserordentliche Wirkung auf den Betrachter. Wir kennen solche Hauben als Schutz zur Präsentation von besonders wertvollen Stücken. Die Haube lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das, was darunter liegt und wir beachten die so ausgezeichneten Steine mit dem Gefühl gesuchter Kostbarkeit. Vieles scheint in der dichten Steinmenge verborgen, überlagert von den vielen Steinschichten. Verdecken oder Bedecken ist ein wichtiges Motiv in Simona Deflorins Werk. Im jüngsten Gemälde ist es wieder ein Kopf, der in einem Steinbild als Kostbarkeit unter der Glashaube zu finden ist. Eine gewagte Kombination, aber für den 3 Arbeitsprozess von Simona Deflorin, ihre Suche nach einem Ausdruck des Lebens und ihr Sich-Abarbeiten am Menschen eine logische Schlussfolgerung. Eindeutigkeit liegt der Künstlerin nun einmal nicht, Aussage und Darstellung changieren immer. Eine neue Konzentration des Stein-Themas zeigt das soeben fertig gestellte Objekt, das den Kreislauf der Steinbilder hier in der Ausstellung abrundet. In einer Glashaube sehen Sie textile Steine. Simona Deflorin hat aus Schaumstoff Steine gefertigt, die alle mit unterschiedlichen Stoffen bezogen sind. Eine schier überquellende Menge füllt das Glas. Die weichen Stoffsteine erhalten eine Kraft, die das Glas zu bersten scheint – wie ein wabernder Zellhaufen. Hier wiederholt sich der organische Charakter, den Simona Deflorin im Steinmotiv sucht. Wie wertvolle Juwelen sind diese Stoffsteine präsentiert: Ein kostbarer Inhalt, dessen Innerstes dem Betrachter verborgen bleibt und nur dem liebenden Blick offenbart wird. So ist das Werk auch zweiteilig. Das Gegenstück (in der Nische) erhält die Käuferin/der Käufer, nur er/sie erhält den Einblick in das Innerste, denn das Intime ist nur dem liebenden Gegenüber sichtbar – als ein „Caprice de Dieu“! Dr. Monika Jagfeld Leiterin des Museums im Lagerhaus, St. Gallen